HOME ÜBER MICH AKTUELLES (BLOG) TEXTE BÜHNE KONTAKT
 

TEXTE

     

Auszug einiger Texte, bitte runterscrollen.


frau schlendrian
(Lyrik)

frau schlendrian I

als ob sie in honig getaucht wäre
summt es sie ein

frau schlendrian in allen gassen
liegen münzen
die sind aus atemnot dahin gespuckt

frau schlendrian sieht durch blütenstaub
göttin diana auf dem brunnen
und wird ein sehnen:
gerader blick
ein pfeil der immer trifft

als ob sie in den wipfeln wogte
zwitschert es sie ein

frau schlendrian II

wartet unter dem himbeerstrauch
mit offenem mund auf reife

frau schlendrian hinterm gartenzaun
liegt ein toter hund
sein plüsch ist rau geworden

frau schlendrian sieht durch strassenstaub
einen kran der hebt und senkt
und wird ein zwerg:
hoch in den wolken
arbeit verrichten, münzen sammeln

und wartet wieder auf ein rot
als ob sie selbst nicht süss genug

intermezzo

frau schlendrian glaubt, sie wäre ein vogel. weil, sie fliegt davon, wenn menschen ihren weg kreuzen. ansonsten hüpft sie und wartet auf einen längeren flug, sobald sie ihren kältetod fürchtet.

frau schlendrian mag fern gucken. sie hat schon immer gern von ferne geguckt und stolpert dann über ihr eigenes wundern. möglich, sie braucht eines tages dieses gucken nicht mehr, weil sie nunmehr streift. muss sie wegen alter haut wieder fern gucken, wäre es möglich, wieder vogel zu sein, mit gigantischer flugkraft. aber da kann sie jetzt noch nicht drüber nachdenken und guckt von fern und streift und springt nicht in den see und denkt, vielleicht muss sie wieder mal nah gucken und springen und ihre junge haut fühlen lassen obs warm, obs kalt.

frau schlendrian III

kauft immer rote jacken
damit sie sich nicht verirrt, in der veränderung

frau schlendrian
auf dem steig liegt ein krieger
die sonne -  fehlt -  sein schwert spiegelt nichts

frau schlendrian sieht hinter kaltem kies:
ein gigant, der wurzelt
 und wird selbst straff, hoch:
sie ficht ihre kriege
allein und auch weinend

denkt dann blau
hüllt sich, froh, in dämmerung
© Lea Gottheil 2009



rimpf (Lyrik)

im holzofen habe ich feuer entfacht
damit es nicht fror, mein kind
unterm arvenholz war mir nicht klamm
und der tannen waren so viele, ich habe nicht angefangen, sie zu zählen
auch die minuten hat sich der nebel unter die decke genommen
hat alles vor mir verhüllt, was meine stirn furchte

dann hat es doch an der tür geklopft
einer in stiefeln ist hereingekommen
aber seine augen waren gut
seit dem unfall kettet ihn schwindel morgens ans bett
die söhne kitten das geschäft
seine spuren auf diesem arvenholz, sagt er und gern hätte er hier oben brot gebacken
wie der alte hans, aber nun müsse man abwarten

im holzofen habe ich feuer entfacht
und gedacht, alles kann er nicht schlucken, der nebel
ein elend klopft auf dem höchsten gipfel

immer entwischt uns die einsamkeit
habe ich zu meinem kind gesagt
es unter meinen arm genommen
das feuer erstickt
und mich nach der ordnung des dorfes gerichtet

aber die nase, die nase halte ich richtung berg
© Lea Gottheil 2010


sagogn (Lyrik)

das kind am dorfbrunnen
lacht in jedes neue gesicht
die fallen wie kometen
von denen man sagt
seltene gefahr nahe

vielleicht wird es einmal grüssen
wie die sauberen katzen
die fremden um die beine streichen
scheu im blick
als hätten sie schuld
© Lea Gottheil 2009


auf ihrem kohl (Lyrik)

auf ihrem kohl finden die chinesen eisensplitter von den geleisen, minütlich
von den donnerwagen abgeschliffen. ihr schlaf ist nie weich. meine hand
gleitet vom kühlschrankgriff, wie du es mir erzählst.
ich habe nicht darüber nachgedacht, ob das grün der gurke tatsächlich giftig ist
und es zählt nicht. du schälst der paprika die haut weg
und hältst inne. eine kirchdurchglühte wolke
vor unserem küchenfenster schiesst eine frage in unseren abendflug.
ich drehe an der erdkugel, bis die wolke vor den blinden fenstern der chinesen leuchtet.
erzähl mir von den vögeln, die auf den eisenbahndächern mitfahren.
sie picken den kohl der chinesen weg, antwortest du. die wolke vor unserem fenster
ist waggongrau. auf unserem salat nun italienische oliven. der donner betäubt uns
bloss von oben herab.
© Lea Gottheil 2009



Ostersuche (Erzählung)

Wie immer konnte das Kind den Fragen, weshalb diese Nacht so anders als alle anderen Nächte seien, folgen. Es hat jedes Wort mitgesungen. Die eckigen Buchstaben, die es im Religionsunterricht genau gelernt hatte, zu verfolgen, dem Laut nach zu lauschen, wurde es bald müde. Hätte es auch die Bedeutung gewusst – die Lobpreisungen und Bitten stammten aus der Zeit, wo die Juden sich gut in Tuch einwickeln mussten, um sich vor dem Wüstensand zu schützen. Gerade so heiss, trocken und staubig wie dieser uralte Sand zerbröselte die Mazza in ihrem Mund. Gerade so heiss wurde es dem Kind, als es die Suppe rund um die Knödel herum löffelte und niemand auf die Idee kam, das Fenster zu öffnen. Am Kindertisch warf man sich verlegene Blicke zu, wollte nicht von den Erwachsenen belauscht werden, ob man es lustig miteinander hatte, wie es zu Beginn des Abends versprochen worden war. Das Kind wusste nicht, ob es noch lebte, weil niemand zu ihm sprach. Genau so fühlte es sich im Schulzimmer des Religionsunterrichts, wenn die Lehrerin ihren Blick Richtung Fensterfront schweifen liess und von der Herrlichkeit, Allwissenheit und Allmacht des Ewigen sprach. Die Gedanken des Kindes zerbrachen an der Vorstellung dieses Herrlichen. Er schien ihm wie eine Erfindung der Lehrerin zu sein, eine, die lediglich sie glücklich machte.

Stellte die Mutter die mürbe gewordenen Ledersandalen in den Keller und brachte die gefütterten Stiefel in die Wohnung, wusste das Kind, sie würden bald den Stern von Bethlehem in der Schule besingen. Nie konnte es lautstark mitsingen. Es wollte so sehr diesen Stall in der Wüste mit ihrem samtenen Himmel finden, wollte so sehr den Weihrauch riechen und das Jesuskind besuchen, dass es ihr den Atem nahm. Die Wüste der Christen erschien ihr angenehm kühl, gefahrenloser, als die Wüste der Juden. Ausserdem hatte Céline 24 Päckchen über ihrem Bett hängen, 24 Päckchen! Das Kind bekam zum Öllampenwunderfest Channuka Kaugummis und einen Plüschtiger.
Immer wieder stellte sich das Kind vor, wie Céline das letzte Päckchen, welches ein ganz besonderes Geschenk enthalten sollte, glitzernde Haarspangen vielleicht, auspackte. Damit war der ganze Rausch nicht vorbei, im Gegenteil. Man tat geheimnisvoll und Célines Vater ging mit ihr den Christbaum aussuchen, in der Kälte. Später wärmte man sich bei einem Kakao und Kuchen auf für den Abend, an welchem der Stern von Bethlehem wieder besungen wurde und es so warm und gut war wie damals im Stall. Nie würde das Kind diesen Jesus näher kennen lernen. Es hätte dieses Baby so viel lieber gefeiert, als einen achtarmigen Kerzenleuchter.

Ostern falle dieses Jahr günstig, meinte die Mutter und packte zwei Reisetaschen. Eine für den Vater und sie. Eine kleinere für das Kind.
Sie fuhren eine Stunde nördlich durch die Schweiz, hörten auf Kassette ein Altmännercabaret und hielten endlich vor einem Riegelhaus. Draussen kurvte Andrea auf ihrem Skateboard und beachtete sie nicht. Die silbernen Tiere des Windspiels, die sich im Eingang bei jedem Luftzug drehten, gefielen dem Kind und als Brigitta die Tür auf das Klingeln der Mutter öffnete, roch es nach frischen Blumen. Brigitta gab den Eltern Küsse, dem Kind reichte sie die Hand. Sie nahm die kleine Reisetasche und bat sie hinein.
Andrea war mittlerweile auch ins Haus gekommen. Das Kind schlafe in ihrem Zimmer, super sei das. Über roten Jungenhosen trug sie ein schwarzes T-Shirt mit Schrift. Dem Kind wurde ein Keks gereicht und er schmeckte unglaublich gut. Patrick kam aus seinem Zimmer und begrüsste alle höflich. Das Kind wollte gern wissen, was Patrick in seinem Zimmer mit der Dachschräge gemacht hatte, dass er jetzt so ernst ins Wohnzimmer trat. Bestimmt hatte er gerechnet. Patrick besass nämlich einen Computer. Oder er schrieb Briefe an Vereinigungen, die Wale retteten. Ein einziges Mal durfte das Kind in Patricks Zimmer. Als Patrick nicht da war und sie bei Andrea gebettelt hatte. Das Kind glaubte, dass alle Jungen ein Geheimnis hätten. Es hatte ja keinen Bruder und konnte also nicht herausfinden, was es war.
Die winzigen Kaffeetassen waren schnell ausgetrunken. Bestimmt mochten die Eltern die kleinen Tassen, denn sie wollten das Kind so schnell wie möglich verlassen. Brigitta wünschte eine schöne Reise nach Frankreich, über die Grenze sei es ja nur ein Katzensprung.
Sie solle höflich bleiben, viel Freude mit Andrea haben und die Eltern hätten gehört, es gäbe heute noch eine Überraschung. Das Kind kannte das. Meist hatten Überraschungen mit Ausflügen zu tun, die es ermüdeten. Als Brigitta verkündete, man fahre zu Hänggis auf den Bauernhof, Ostereier suchen, jubelte Andrea und das Kind hätte gern gefragt, ob es denn gewöhnliche Eier waren, die man suchte, oder welche aus Schokolade.
Das Kind mochte nicht auf diesen Ausflug gehen. Viel lieber hätte es mit Andrea im Garten Gummitwist gespielt oder Karten bei einem Glas Saft. Man hätte eine Aufführung planen können, sich verkleiden, den Plüschtiger durch Reifen springen lassen können. Jetzt fuhr man sie also auf einen Bauernhof zu diesen Hänggis , die ihr Andrea wegnehmen würden. Das Kind liess sich ins Auto bugsieren und fragte sich, ob die Eltern den Katzensprung über die Grenze bereits geschafft hätten.

Hänggis hatten unglaublich viele Kinder. Das Kind zählte vier, rechnete aber damit, dass jederzeit eines aus dem Hühnerstall gesprungen oder unter dem Traktor hervorkriechen würde. Alle hatten sie schmutzige Münder und liefen mit schlecht geschnürten Schuhen auf dem Hof herum. Sie johlten, als Andrea aus dem Auto stieg. Andrea nahm ihre Schirmmütze vom Kopf und setzte sie einem Mädchen auf, das die Haare ganz furchtbar kurz geschnitten hatte und nur dank dem Kleid, welches sie trug, als Mädchen zu erkennen war. Sie zog Andrea in den Kuhstall, wo sie ihr ein junges Kalb zeigen wollte. Das Kind stand auf dem Hof. Die Mutter des Kindes hätte ganz bestimmt gesagt, wieso gehst du nicht auch mit in den Stall, ihr könnt doch alle gemeinsam das Kälbchen angucken. Das Kind wusste nicht, wie sehr sich Andrea wünschte, sie dabei zu haben und also blieb es stehen. Die Erwachsenen und Patrick waren im weiss getünchten Haus mit den braunen Läden verschwunden. Zwei jüngere Kinder hatten einen Gummitwist um eine Fahnenstange gebunden und hüpften das Zweierspiel völlig falsch. Das Kind stand auf dem Hof. An den Schuhspitzen bildete sich ein Staubrand. Katzen gingen gleichgültig an dem Kind vorbei und legten sich geniesserisch in die Sonne. Ausser dem Keuchen der hüpfenden Bauerkinder war nichts zu hören. Wenn sie den Nachmittag so verbrachte, alle um sie herum ihre Abenteuer erleben liess. Wenn diese Bauernkinder wüssten, wie lustig sie es mit Andrea immer hatte. Wenn sie wüssten, was für eine gute Freundin Céline war und wie sie beim letzten Fussballturnier ein Goal gemacht hatte, worauf Basil mit ihr an die Fasnacht gehen wollte. Das Kind wollte um keinen Preis weinen. Bloss, wenn man auf keinen Fall weinen wollte, dann kamen die Tränen umso schneller, immer war das so. Ausgerechnet in diesem Moment öffnete sich die Tür des weissen Hauses und Brigitta kam heraus. Was das Kind denn so rumstehe, ob es Andrea nicht suchen wolle? Ein komisches Kind sei es. Brigitta nahm es an der Hand ins Haus, wo es mit den Erwachsenen um den grossen Holztisch sitzen durfte und einen viel zu süssen Himbeersirup zu trinken bekam. Sie verstehe nicht, meinte Brigitta, das Kind hätte wirklich mit Andrea und Karin mitgehen können. Die Bäuerin schnitt eine Apfelwähe in Stücke und gab dem Kind ein schmales. Die Beine des Kindes baumelten viel zu weit über der Holzbank und als es mit dem Finger über die Tischkante fuhr, verfing sich ein Holzspiess in ihrem Finger und blieb dort stecken.
Sie sollten die Kinder holen, klatschte die Bäuerin in die Hände, schliesslich habe man Hasen und Eier versteckt.
Das Kind rutschte von der Bank, tippte Brigitta auf den Rücken und zeigte ihr den Finger. Brigitta übergab es der Bäuerin und wollte nun selber die Kinder zusammentrommeln. Ob sie einen Spiess im Finger hätte, erkundigte sich Patrick. So etwas müsse man richtig behandeln, sonst entzünde sich der Finger, im schlimmsten Fall könnte diese Entzündung sich bis zum Herzen ausbreiten und schliesslich zum Tod führen. Die Bäuerin sagte Quatsch, glaub nicht alles, was die Studierenden verbreiten und zog das Kind zwei Treppen hoch, durch das dunkle, kühle Haus. Es roch nach Lehm und Zwiebeln. Schwere Bilder hingen an den Wänden, fern miaute eine Katze. Im Badezimmer hingen Spiegel in bröcklig weissen Rahmen. Andrea und die anderen würden nun alle Hasen und Eier gefunden haben. Das Kind wollte heute Nacht nicht bei Andrea schlafen.
Ob es wirklich sein könne, dass sich der Finger schlimme entzünde, wollte es von der Bauersfrau wissen. Blödsinn, meinte diese und liess ihren Blick über all die Fläschchen, Seifen und Tuben im Schrank schweifen.
Entzündete sich der Finger, schliefe das Kind heute Nacht im Krankenhaus, die Eltern kämen sofort über die Grenze zurück, wachten bei ihm und würden es am nächsten Morgen mit nach Hause nehmen, es in Decken wickeln, ihm Orangen bringen und mit ihm Filme anschauen. Das Kind wünschte es sich so sehr, dass es wieder weinen musste. Die Bauersfrau meinte, es müsse keine Angst haben, sie habe schon Kälber aus Kuhleibern gezogen. Sie nahm den verletzten Finger zwischen ihre rauen Finger, hielt ihn fester als nötig, führte ihn dicht vor ihre Augen. Dann tupfte sie eine braune Flüssigkeit auf Watte und rieb über die Stelle, die wie ein Mückenstich aussah. Mit einer Pinzette bearbeitete sie die geschwollene Haut, konzentriert, sicher. Das Kind brüllte.
Ihre Kinder würden nie brüllen, sagte die Bäuerin. Da weinte das Kind still vor sich hin. Hätte Andrea es in den Stall mitgenommen, wäre das Kind nicht ins Haus gegangen und hätte sich am Holztisch keinen Spiess geholt. Eigentlich hatten die Erwachsenen allen Grund, auf Andrea wütend zu sein, die andere Kinder in Gefahr brachte. Die Bauersfrau öffnete das Fenster. Draussen johlten die anderen begeistert, enttäuschte Rufe dazwischen.
Geschafft! Rief die Frau, zeigte dem Kind den Spiess, holte ein beiges Pflaster und verband die verletzte Stelle. Dann gehe es jetzt auch suchen, sagte das Kind. Die Bäuerin schlug sich die Hand vor den Mund. Sie hätten ja gar nichts versteckt, Brigitta habe nicht mitgeteilt, dass noch ein Kind käme. Alle Hasen und Eier seien angeschrieben, aber für das Kind habe man nichts. Sie sei sicher, die anderen Kinder gäben ihm etwas ab.
Brigitta hatte der Bäuerin nichts gesagt, weil sie sich erinnerte, dass das Kind Ostern und Weihnachten nicht feierte, dachte das Kind. Es stieg die breite Holztreppe durch das dunkle Haus wieder hinab. Langsam. In der Diele, direkt unter einer alten Sense, die man in die Wand genagelt hatte, stand ein Stuhl. Das Kind setzte sich darauf. Durch das trübe dicke Glas eines Fensters schickte die Sonne einen Strahl. Staub tanzte darin. Das Kind hatte Bücher gelesen von jüdischen Kindern, die weggebracht wurden. Im Religionsunterricht wurde die Lehrerin nicht müde, zu betonen, das jüdische Volk sei auserwählt. Dem Kind wurde der Kopf müde von all diesen Gedanken, die sich wie Steine anfühlten. Sie hinderten das Kind daran, mitzumachen, als hätte es ein steifes Bein, das es von vielen Vergnügungen ausschloss. Es hörte, wie irgendwo ein Motor gestartet wurde. Sollten sie nur wegfahren. Ohne das Kind. Es würde auf diesem Stuhl bleiben und schauen, wohin man es brachte, wenn man es fand. Bereits dunkelte es ein und das Kind erinnerte sich nicht, eine Jacke für den kühleren Abend mitgenommen zu haben. Es schloss die Arme um die Knie und dachte, ich weiss Dinge, die Andrea nicht weiss. Es bohrte seine Nase in den Hosenstoff, der nach ihrem Bett zuhause roch und fand Trost in dem Duft. Der Hintern schmerzte auf dem harten Holzstuhl, irgendwann würde es aufstehen müssen. Ein Gedanke streifte sie wie ein Streicheln: Immer hatte sich alles irgendwie gelöst. Und so wurde dem Kind der Kopf schwer und es war gut so. Es legte ihn in die Handfläche und schaukelte vor und zurück, vor und zurück.
Ein Auto kam in den Hof gefahren, der Motor wurde abgewürgt. Wieder Stimmen, diesmal gedämpft. Das Kind glaubte, Andrea lachen zu hören. Jetzt wurde im Haus eine Tür auf und zu gemacht, das Kind versteifte sich. Wie ein verwundetes Tier hatte es sich seit dem Beginn des Besuchs zurückgezogen, hatte sich damit in ein besonderes Licht gestellt und jetzt schämte es sich dafür, schämte sich vor Andrea mit den braun gebrannten Beinen, ein Sonnenkind, immer an der frischen Luft, immer Neues probierend, allen die Hand reichend. Das Kind konnte sich nicht vorstellen, wie es durch das Leben kam, wenn es nicht auch nur ein wenig wie Andrea war, es wollte nach Hause, wo es keine Andrea gab, die ihm vormachte, wie einfach doch alles war.
Jetzt polterte jemand die Treppen hinauf – das Kind erhaschte einen Blick auf rote Hosen und stand auf. Andrea strahlte es an, nahm seine Hand und zog es schnell die Treppe hinunter, eine Überraschung warte auf das Kind im Hof. Draussen ging ein lauer Abendwind, das strenge Licht war nunmehr weich geworden, nur schwach roch es nach Mist. Brigitta übernahm das Kind, erklärte, wie leid es ihnen tue, dass sie nichts für sie versteckt gehabt hätten, das sei unentschuldbar. Man sei ins Nachbardorf gefahren und habe nach Hasen und Eiern für das Kind gesucht, die Läden aber hätten alle bereits Feierabend um diese Zeit am Wochenende. Und nun hätten alle Kinder etwas von ihrer Schokolade abgegeben. Andrea überreichte ihr einen glänzenden Sack, der mit einem blauen Band zusammengehalten wurde. Das Kind öffnete ihn und silberpapierene Süsse leuchtete ihm entgegen.
Man verabschiedete sich lange von den Hänggis, die Bauersfrau reichte dem Kind eine grosse, grobe Hand und fragte, ob der Finger noch schmerze. Das Kind meinte, überhaupt nicht und konnte es nicht erwarten, ins Auto zu klettern, das sie zurück brachte in das fremde und doch vertraute Haus von Andreas Familie.
Das Windspiel klimperte lustig, als sie eintraten. Brigitta sagte, sie würde Spaghetti kochen, grossen Hunger hätten sie wohl alle nicht mehr. Andrea und das Kind gingen in ihr Zimmer, wo das Kind Andrea seine neusten Grimassen schnitt und Andrea auf ihrem Bett Tränen weinte vor lauter Lachen. Morgen wollten sie, bevor die Eltern des Kindes kamen, eine Zaubervorstellung vorbereiten.
Das Kind zerschnitt die Spaghetti mit dem Messer und steckte es in den Mund. Brigitta und Patrick unterhielten sich über Schnecken und Unkraut im Garten. Draussen raschelte und pfiff es, verhiess einen Regentag.
Weshalb das Kind ein Pflaster um den Finger trage, fragte Andrea.
Es habe sich bei Hänggis einen Spiess geholt, antwortete das Kind.
Bei Hänggis hole man sich schnell einen Spiess, meinte Brigitta, da sei viel ungehobeltes Holz im Haus.
Das Kind lächelte Brigitta zu. Vielleicht, dachte es. Und, dass es typisch für es war, sich an ebendiesem Holz zu verletzen.
Das sei ihr schon tausendmal passiert, sagte Andrea und ob sie, bevor der Regen käme, noch eine Runde Gummitwist im Garten spielen wollten. Brigitta erlaubte es und dem Kind entfuhr ein Freudenschrei, vor dem es selbst erschrak.
© Lea Gottheil 2009